Georg Fischer II

(15. Dezember 1834 - 12. August 1887)

Vom 7. bis zum 16. Altersjahr lebte Georg Fischer II in Schaffhausen bei seinem Grossvater, dem Firmengründer Johann Conrad Fischer. Dort besuchte er die Schule und bekam Gelegenheit, bei seinem Großvater die Herstellung von Gussstahl und Stahlguss sowie dessen Ausschmieden und die Weiterverarbeitung zu Feilen kennen zu lernen. Wahrscheinlich besuchte er in Wien das Polytechnische Institut und verbrachte nach dem Tod seines Grossvaters noch kurze Zeit in den Werken seines Vaters in Hainfeld. Im Spätherbst 1856 wurde ihm die Werksleitung in Schaffhausen übergeben, wo seit dem Tode J.C. Fischers die Fabrikation unterbrochen war.

Einführung von Temperguss

Schon 1860 setzte Georg Fischer zur entscheidenden Erweiterung seines Fabrikationsprogramms an, indem er nach dem Verfahren seines Grossvaters die gewerbsmässige Produktion von „Weichguss" (Temperguss) aufnahm. War der Betrieb im Mühlental bisher ein reines Stahlwerk gewesen, worin Tiegel-Gussstahl zu Messerklingen, Feilen, Scheren, Prägestempeln, Gewehrläufen usw. verarbeitet wurde, so ging mit der Einführung der Tempergussherstellung das Schwergewicht der Produktion auf die Giesserei über. Entsprechend wurde die Firmenbezeichnung 1861 in „Georg Fischer Schaffhausen, Weicheisengiesserei, Gussstahl- und Feilenfabrikation" umgeändert. Nachdem Georg Fischer II das Unternehmen schon einige Zeit geführt hatte, kaufte er die Firma 1864 von seinem Vater Georg Fischer I. Fischer baute in der Folgezeit die von seinem Grossvater Johann Conrad gegründete Stahlgiesserei in Schaffhausen vom Handwerks- zum Grossbetrieb aus. Ab 1864 stellte er als erster in Europa Fittings (Röhrenverbindungsstücke) aus Temperguss her. Diese waren den bisher gebräuchlichen schmiedeeisernen Fittings sowohl qualitativ als auch preislich überlegen und setzten sich sogleich durch. Der in den Städten einsetzende Infrastrukturausbau (Gas- und Wasserversorgung, Kanalisation) weitete den Markt für die Fittings schnell aus. Fittings eigneten sich zudem ausgezeichnet für die Serienproduktion und damit für die industrielle Herstellung. Die Modellvielfalt nahm rasch zu. Die erste +GF+-Preisliste umfasste 91 verschiedene Modelle. Im Jahr 1890 waren es bereits 750 und im Jahr 1925 waren es 8615 Modelle.
Im Zusammenhang mit der Aufnahme der Fittingsproduktion begann GF auch ein Warenzeichen zu verwenden, wobei sich das ursprüngliche Markenzeichen, ein Fisch mit den beiden Buchstaben GF, im Laufe der Jahre zum heutigen +GF+ - die beiden Kreuze stellen stilisierte Fittings dar - entwickelte.

Wachstum und Börsencrash

1877 nahm Georg Fischer II mit der Herstellung von Stahlformguss einen weiteren neuen Produktionszweig auf. Im Juli 1881 zeigte er seiner Kundschaft an, „dass ich in Folge erneuerter Erweiterung und Verbesserung meiner Einrichtungen in den Stand gesetzt bin, Stahlgussstücke von einfacher Form und einigem Gewichte zu herabgesetzten Preisen zu liefern“. Georg Fischer II brachte damit die Verfahren zur Anwendung, die J.C. Fischer entwickelt, aber nicht kommerziell genutzt hatte. Die konjunkturelle Entwicklung in der Region Schaffhausen verlief allerdings schleppend. Ein markanter Aufschwung erfolgte erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871, nach dem eine eigentliche Gründerwelle einsetzte. Diese Entwicklung kommt auch in den Beschäftigtenzahlen der reorganisierten Fischer-Werke zum Ausdruck: Während sie 1863 bis 1868 zwischen 30 und 42 stagnierten, stiegen sie von 1871 bis 1873 von 67 auf 210. „Haus um Haus erstand, Werk an Werk, Magazine, Essen, Arbeiterwohnungen, so dass heute das Establishment zu einem kleinen Dorf geworden“, beschrieb der Nachruf auf Fischer den Ausbau der Werke. Was in andern industrialisierten Regionen Europas schon längst ein vertrautes Bild war, entwickelte sich nun auch im Mühlental. Doch konjunkturell war die zweite Hälfte des Wirkens von Georg Fischer II von der grossen Depression überschattet. Nach dem kontinuierlichen Ausbau war der Einbruch massiv: 1877 zählten die Werke mit 104 Arbeitern und Angestellten nur noch halb so viele Beschäftigte wie vier Jahre zuvor. Den beschäftigungsmässigen Höchststand von 1873 – in diesem Jahr löste der Wiener Börsenkrach die Krise aus – konnte Georg Fischer II bis zu seinem Tode nicht mehr erreichen.

Neben seiner Beschäftigung im Unternehmen war Georg Fischer II Mitgründer der Schaffhauser Handelsbank und der Bindfadenfabrik Flurlingen (bei Schaffhausen) und ausserdem war er bei der Spinnerei Luisenthal (Thüringen) beteiligt.